Wiepersdorf hat die „Muse“ beherbergt. Doch: „Sie kam und ging.“ (Fontane)

 

An Bettina (Bei Lesung ihres Königsbuches)

Dein Geist nimmt, wie auf Lerchenschwingen,

Tief in den Himmel seinen Zug,

Und freudig lausch' ich seinem Singen

Und freudig folg‘ ich seinem Flug.

 

Doch wie die Lerch' auf ihren Zügen

Oftmals im Äther mir verschwimmt.

So auch dein Geist auf seinen Flügen,

Wenn er zu hoch ins Blaue klimmt.

 

(Theodor Fontane, 1844)

 

Das Gedicht Theodor Fontanes soll keine falschen Hoffnungen wecken. Der märkische „Wanderer“ war nie in Wiepersdorf. Trotzdem verweist er den Leser auf den Ort. Die Adressatin seines Achtzeilers war Bettina von Arnim. Teile ihres „Königsbuches“, auf das sich Fontane bezog, sind in Wiepersdorf entstanden. Dort liegt Bettina, wie auch ihr Mann Ludwig Achim von Arnim, begraben. Wiepersdorf hat die „Muse“ beherbergt. Doch: „Sie kam und ging.“ (Fontane)

Brandenburg war bis 1945 ein Teil Preußens. Die sowjetische Besatzungsmacht schuf 1945 die Provinz Mark Brandenburg. Die Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße gehörten nicht mehr dazu. Die Provinz erhielt 1947 den Status eines „Landes“ und war bis 1949 Teil der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ), ab 1949 ein „Land“ der DDR. Am 23. Juli 1952 wurde es aufgelöst. An seine Stelle traten die Bezirke Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus. Erst mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wurde Brandenburg aus dem „Wartesaal der Geschichte“ wieder ans Licht geholt. Das Bundesland Brandenburg, entstanden durch das Ländereinführungsgesetz vom 22. Juli 1990, ist Teil der Bundesrepublik Deutschland.

Bislang liegt keine Gesamtdarstellung der Geschichte Brandenburgs im 20. Jahrhundert vor. Die Schwierigkeiten für die Forschung sind groß. Viele Archive wurden 1945 zerstört oder verschleppt. Der Zugang zu den Dokumenten, die in der DDR lagerten, war für Forscher aus dem „Westen“ stark eingeschränkt. Die Aufarbeitung des Materials wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Nicht absehbar ist außerdem die Öffnung der Archive der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Die Zeugnisse der Besatzungsherrschaft werden in Russland verwahrt. Nur wenigen Forschern ist bisher Einsicht gewährt worden. Die Entscheidungsprozesse innerhalb der SMAD liegen bislang im Dunkeln.

Die Herrschaft Wiepersdorf ist eine „historische Stätte“ in Brandenburg, ein Ort, an dem sich geschichtliche Entwicklung sichtbar niedergeschlagen hat. Das gilt im Besonderen für das 20. Jahrhundert und namentlich für die Jahre von 1945 bis 1952, die im Mittelpunkt dieser Untersuchung stehen. Die Arbeit versteht sich mithin als ein Beitrag zur neueren Geschichte Brandenburgs.

Die Entwicklung bis 1800 wird nur abrisshaft geschildert. Ausführlicher werden Bettina und Ludwig Achim von Arnim gewürdigt, die Wiepersdorf im 19. Jahrhundert zu einem Ort der „schönen Künste“ machten. Ein Blick auf das Wirken des Malers Achim von Arnim schließt den Teil der Arbeit ab, der die „Vorgeschichte“ des 20. Jahrhunderts behandelt. In den Jahren 1900 bis 1945 war Gut Wiepersdorf ein landwirtschaftlicher Betrieb. Bei der Betrachtung dieser Jahrzehnte steht die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Herrschaft im Vordergrund. Mit Blick auf die Jahre nach 1945 schien es notwendig, auf die Beziehung einzelner Mitglieder der Familie von Arnim zum Ort Wiepersdorf einzugehen.

Der Hauptteil der Untersuchung beschäftigt sich mit den Jahren 1945 bis 1952. Drei Themen werden behandelt. Zum einen geht es um die Frage, in welcher Form Wiepersdorf nach 1945 als „Herrschaft“ weiterexistierte, und wie sich „Herrschaftskontinuität“ konkret ausdrückte. Zum anderen werden die Veränderungen in der Struktur von Dorf und Gut beschrieben, deren Tragweite bisher mit dem Begriff „Bodenreform“ nur unzureichend erfasst wurde. Abschließend befasst sich die Arbeit mit der Deutschen Dichterstiftung Wiepersdorf, die den Ort weit über die lokale Bedeutung hinausführte und in den Mittelpunkt der kulturpolitischen Diskussion in der SBZ/DDR stellte.

Während für die Zeit bis 1945 auf Literatur zurückgegriffen werden konnte, die teils auf Archivstudien, teils auf persönlichen Erinnerungen derjenigen fußt, die am historischen Prozess beteiligt waren, basiert der Hauptteil der Arbeit auf Quellenmaterial, das bisher noch nicht ausgewertet wurde. Als ergiebig erwiesen sich die Bestände des Brandenburgischen Landeshauptarchivs in Potsdam, und dort vor allem die Dokumente des Ministeriums für Landwirtschaft und Forsten, des Ministeriums für Volksbildung und der Kreisverwaltung Jüterbog-Luckenwalde aus den Jahren 1945 bis 1952.

Über die Deutsche Dichterstiftung Wiepersdorf liegt bisher keine Untersuchung vor. Hier wurde „Neuland“ betreten. Ergänzend zu den oben genannten Quellen waren für diesen Teil der Arbeit Bestände des Bundesarchivs, Außenstelle Berlin, und der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv hilfreich. Ausgewertet wurden Akten des Ministeriums für Volksbildung der DDR, der Deutschen Wirtschaftskommission (DWK) und des Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands.

Ein Ziel der Untersuchung ist es, den Einfluss der Besatzungsmacht auf die Herrschaft Wiepersdorf in den ersten Nachkriegsjahren sichtbar zu machen. Darüber hinaus lassen die lokalen Ereignisse Rückschlüsse auf die deutschen Behörden des Landes Brandenburg und des Kreises Jüterbog-Luckenwalde zu. Die Arbeit bezieht sich auf einen begrenzten Raum. Diese Tatsache bringt es mit sich, dass immer wieder einzelne Menschen in den Mittelpunkt der Darstellung rücken.

An ihrem Schicksal sollen die Brüche und Kontinuitäten verdeutlicht werden, die der Herrschaft Wiepersdorf, wie auch der übrigen Mark Brandenburg im Laufe des 20. Jahrhunderts einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt haben.

 

Jürgen Stich, 1997

Teil 1

ePaper
Teilen:

Teil 2

ePaper
Teilen:

Teil 3

ePaper
Teilen:
Druckversion Druckversion | Sitemap
© Stich Homepage Powered by 1&1 IONOS